Verwendete Quelle: Wirtschaft im nördlichen Rheinland-Pfalz 3/2017 | 14/15 DOSSIER Freitag, 23. Juni 2017

Kopfschalenset

Einen Tumor im Körper braucht kein Mensch. Aber wenn die oft niederschmetternde Diagnose kommt, heißt es, auf die bestmögliche Behandlung zu hoffen. Die heißt in nicht wenigen Fällen: Strahlentherapie. Und hier beginnt für die Firma Unger Medizintechnik GmbH & Co. KG das Geschäft. Die Mülheim-Kärlicher fertigen Masken, Auflagen, Platten aus Carbon, mit denen man den Körper so fixieren kann, dass er punktgenau bestrahlt werden kann. „Bei einer Bestrahlung ist es wichtig, dass der Körper komplett ruhig liegt“, sagt Dr.-Ing. Detlef Salewski. Nur so können die Strahlen genau dahin gelangen, wo sie einen Tumor empfindlich treffen. Deshalb gibt es bei UNGER Lagerungs- und Positionierungssysteme für die verschiedensten Körperteile, in denen Arme, Beine, Kopf und Körper fixiert werden können. Mehrere Hundert Varianten sind im Angebot. Das Alleinstellungsmerkmal von Unger ist auch gleichzeitig das komplexeste Stück: das Universalboard. Auf dem können die verschiedensten Lagerungs- und Positionierungssysteme so angebracht werden, wie es die individuellen Anforderungen notwendig machen. Dr.-Ing. Salewski führt das Unternehmen gemeinsam mit Frau Uta Unger, die es Mitte der 1990er-Jahre gegründet und damit eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Heute werden in dem unscheinbar wirkenden Firmengebäude im Gewerbegebiet von Mülheim-Kärlich Tausende Stücke jährlich entwickelt, produziert, verpackt und verschickt – an Krankenhäuser, Ärzte, Bestrahlungszentren: „Die bestellten Masken werden per UPS innerhalb Deutschlands in 24 Stunden ab Bestelleingang versendet. Im Ausland, in Europa dauert es eine Woche“, sagt Uta Unger. „Wir sind in Deutschland führend“, fügt Dr.-Ing. Salewski hinzu. Und vor allem: „Wir sind die Einzigen, die alles selbst herstellen.“ Vom hochwertigen Carbon als Basismaterial bis hin zu den Masken und den Auflagen. Dort hinein werden die Löcher gebohrt, dank derer die relevanten Körperteile schließlich fixiert werden können. Alles Aufgaben, die eine höchstmögliche Präzision erfordern. Carbon lernte Uta Unger unter anderem in ihrer Zeit als Krankenschwester in der Chirurgie kennen – als Material für Beinprothesen zum Beispiel. „Wir haben acht verschiedene thermoplastische Maskenmaterialien für die individuellen Therapieanwendungen in den Strahlentherapien: mit Beschichtung oder ohne, mit verschiedenen Perforationen in verschiedenen Materialstärken und in den Farben Weiß, Blau, Gelb und Lila.“ Die Konkurrenz ist nicht groß. Dennoch handelt es sich um ein hart umkämpftes Geschäft, geben Dr.-Ing. Salewski und Frau Unger zu Protokoll. Fünf Mitbewerber gebe es auf dem Markt, zwei davon seien ernsthafte Konkurrenten. Deren Produktpalette sei zum Teil unterschiedlich, zum Teil aber eben nicht, sagt Dr.-Ing. Salewski. Konkurrenz belebt das Geschäft, heißt es allenthalben. Aber in der Welt von Uta Unger und Dr.-Ing. Salewski heißt Konkurrenz in erster Linie: Obacht geben. „In unserem Geschäft werden viele Ideen abgekupfert“, sagt Dr.-Ing. Salewski, der seit 2007 für die Produktentwicklung bei Unger mitverantwortlich zeichnet. Verstehen kann dies der promovierte Physiker und Ingenieur nicht. „Ingenieure haben eigentlich ihre eigenen Ideen“, sagt er. Dieses Thema beschäftigt Uta Unger seit der Anfangszeit ihres Unternehmens. 1996 hat die gelernte Krankenschwester in einem umgebauten Kuhstall angefangen mit der Produktion – getrennt vom Verwaltungsbereich, der zunächst auf der Koblenzer Karthause beheimatet war. „Ich wollte für die Mitbewerber nicht so leicht aufzufinden sein.“ Im „Kuhstall“ baute Uta Unger schließlich die ersten Masken, mithilfe derer der Kopf zur Bestrahlung fixiert wird. „Jeder Patient bekommt für die Therapie seine eigene individuell angepasste Maske“, sagt Uta Unger. Später kamen dann die verschiedenen Auflagen aus Carbon hinzu. Das Geschäft entpuppte sich als einträglich, wenngleich: „Reich werden wir dadurch nicht“, sagt Dr.-Ing. Salewski. Immerhin stehen mittlerweile Jahr für Jahr mehrere Millionen Euro Umsatz in den Büchern. Den Weg in die Medizintechnik beschritt Uta Unger nach der Wende eher aus familiären Gründen. Im Berliner Krankenhaus Charité war sie als Leitende Krankenschwester für Intensivmedizin auf der chirurgischen Intensivstation angestellt. Dennoch reichte im teuren Berlin das Geld nicht aus für die alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Sie suchte nach Alternativen. Zudem hatte sie in dem aufreibenden Job, der auch viel Flexibilität erforderte, nicht genug Zeit, um die beiden Kinder in der Großstadt vernünftig aufzuziehen: „Ich wollte nicht, dass sie tagsüber regelmäßig unbeaufsichtigt durch Berlin ziehen.“ Von einem Urlaub her kannte sie das Rheinland, den Westerwald, die Region um Koblenz – und zog von der Hauptstadt in die Provinz. Im Unfallkrankenhaus in Dernbach heuerte sie als Stationsschwester an und begann schon nebenher, in einem medizintechnischen Betrieb zu arbeiten. Schließlich machte sie sich selbstständig und zog 2002 nach Mülheim-Kärlich. Zunächst mietete sie ein Gebäude. Seit ein paar Jahren arbeiten die beiden Geschäftsführer mit ihren zehn Mitarbeitern in der eigenen Immobilie. Das Talent zum Faserverbundtechniker müssen die Mitarbeiter mitbringen: „Ein Ausbildungsberuf ist das nicht“, sagt Dr.-Ing. Salewski. Wer bei UNGER anfangen will, muss technisch bewandert sein, etwas von der Verarbeitung von Holz, Metall und Kunststoff verstehen – und sich mittels Lehrgängen weiterbilden. Die eigenen Lebensläufe und früheren beruflichen Erfahrungen kommen Uta Unger und Dr.-Ing. Salewski in ihrer heutigen Position zugute. Uta Unger weiß als ehemalige Krankenschwester, was nötig ist in der Strahlentherapie oder im MRT, wo die Produkte der Firma ebenebenfalls genutzt werden. „Und sie kann mit einem Chefarzt oder dem Arzt in einer Strahlenpraxis ganz anders reden“, sagt Dr.-Ing. Salewski.universalboard_2000

CARBON

Carbon ist ein Faser-Kunststoff-Verbundwerkstoff. Die Kohlenstofffasern werden dabei in eine Matrix aus Kunstharz eingebettet. Dabei profitieren die mechanischen Eigenschaften des ausgehärteten Verbunds vor allem von der Zugfestigkeit und der Steifigkeit. Für die Strahlentherapie eignet sich der Stoff, weil er eine nahezu ungeschwächte Durchstrahlung bei extremer Festigkeit und Steifigkeit erlaubt. Damit ist es möglich, exakt und gewebeschonend in Ausdehnung und Tiefe die Tumore zu bestrahlen.

AUSZEICHNUNG

Unger Medizintechnik ist 2014 für den Umgang mit seinen Mitarbeitern mit dem 2. Preis Familienfreundliches Unternehmen des Landkreises Mayen-Koblenz ausgezeichnet worden. „Wir legen auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter sehr viel Wert“, sagt Dr.-Ing. Detlef Salewski. So arbeite man nur mit Festangestellten und nur im Ein- Schicht-Betrieb. Auf Zeitarbeitsfirmen greife man nicht zurück, zudem gebe es einige Sozialleistungen und auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf achte man sehr: „Ich gebe den Kindern der Mitarbeiter auch schon mal Nachhilfe“, sagt Dr.-Ing. Salewski. Im Jahr 2004 erhielt UNGER Medizintechnik den Preis „Success – Auszeichnung für innovative Unternehmen“ des Landes Rheinland-Pfalz für die Entwicklung eines durchgängigen Carbon-Tisches für die Bestrahlung von Krebspatienten. Dieser ermöglicht eine besonders effiziente Durchstrahlung in einem großen Bereich – ein Innovationssprung für Tischauflagen in der Strahlentherapie.

ZUM UNTERNEHMEN

Name: UNGER Medizintechnik GmbH & Co. KG
Gegründet: Mai 1996 durch Uta Unger
Geschäftsführer: Uta Unger, Dr.-Ing. Detlef Salewski
Standort: Mülheim-Kärlich
Mitarbeiter: 10
Kernkompetenz: Masken, Auflagen, Platten aus Carbon zum Einsatz in der Strahlentherapie
Kontakt: UNGER Medizintechnik GmbH & Co.KG, Hinter der Jungenstraße 14, 56218 Mülheim-Kärlich, www.unger-medizintechnik.com

WEITERE INFORMATION

Deutschland hat einen hohen Versorgungsgrad an Bestrahlungsgeräten, sagt Dr.-Ing. Detlef Salewski. Etwa 800 Stück, ein Gerät für 200 000 Bürger, seien aktiv in Praxen, Krankenhäusern, Bestrahlungszentren. Und alle wollen bestückt werden mit Masken und Auflagen. Hauptgeschäft von Unger sind dabei die Masken, deren Verkauf etwa die Hälfte des Umsatzes ausmacht. Mehr als 150 verschiedene Masken hat die Firma im Angebot.
kns

Er selbst hat schon in jungen Jahren in der Strahlentherapie gearbeitet, war zehn Jahre bei Siemens im Vertrieb tätig und bekam so Kontakt zu UNGER. Die Medizintechniker haben viele Jahre lang exklusiv für Siemens insgesamt rund 1500 Kohlefasertische produziert. „Das ist 2014 ausgelaufen und wir mussten uns auf anderes konzentrieren.“ So wurden einige Produkte neu entwickelt, andere aus den USA zugekauft und in Europa vertrieben. „Das hat gut funktioniert“, sagt der 74-Jährige, der seit 2007 in UNGER Unternehmen ist und so lange bleiben will, wie die Gesundheit mitspielt: „Solange er fit ist, ist es für die Firma nach wie vor ein Gewinn, wenn er mit seinen konstruktiven Ideen, seinem Verhandlungsgeschick, seinen Kenntnissen der Physik und im kaufmännisch strategischen Bereich weiterhin arbeitet“, sagt Uta Unger.